Google Glass und die verkannte Vision

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Google Glass

2012 dürfte eine der vielleicht interessantesten und auch eindrucksvollsten Google I/O Ausgaben gewesen sein, denn die Präsentation der Google Glass schrieb seinerzeit Geschichte. Dabei hat das Gadget selbst seitdem erheblich einstecken müssen und wurde vor etlichen Wochen temporär mehr oder weniger eingestellt. Dabei hätte die Brille mit der integrierten Kamera eine große Zukunft haben können. Haben können?

Es ist nach wie vor einer dieser ganz besonderen Momente bei einer Entwickler-Konferenz, welcher auch Jahre danach in gewisser Weise unerreicht bleibt. 2012 betrat Google-Mitgründer und CTO Sergey Brin die Bühne und trägt dabei eine Google Glass. Was in den nächsten 20 Minuten passierte, ist absolut einmalig gewesen. Denn in einem Live-Hangout unterhielt sich Brin über die Google-Brille mit ein paar Extremsport-Freunden, bis diese dann selbst auf der Bühne standen.

Google Glass und die nachlassende Begeisterung

In den darauf folgenden Monaten regte das Projekt zahlreiche Kreative an, was man denn mit einer solchen Brille anstellen könnte. Auch diverse Parodien entstanden, aber insgesamt erfreute sich die digitale Brille von Google einer wachsenden Vorfreude. Bis zu jenem Tag, als sich der bekennende Google Tech Fan Robert Scoble, mit seiner Google Glass unter der Dusche fotografieren lies und dieses Bild im world wide web Millionenfach verbreitet wurde.

Hätte Scoble damals gewusst, was er mit diesem Foto auslösen würde, hätte er es sicherlich sein gelassen. Denn dieses Bild ist laut einem Artikel von CNet mit einer der Auslöser, weshalb die Google-Brille in der öffentlichen Meinung erheblich einbüßen musste. Das Bild aus der Dusche wurde scherzhaft sogar als die jugendfreie Consumer-Tech-Version eines Penis-Bildes beschrieben, was zuvor schon Dutzenden Politikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens zum Verhängnis wurde. Kurzum: Robert Scoble half unfreiwillig dabei, dass Google Glass uncool wurde.

Sicherlich ist das mitnichten der eigentliche Grund, aber einer von vielen. Selbst Google-CEO Larry Page zeigte sich alles andere als erfreut über das Foto, wie er Scoble gegenüber in einer Q&A-Session nach der Google I/O 2012 verriet. Was der Brille jedoch wirklich das Genick brach, ist die Möglichkeit jederzeit und überall Fotos sowie Videos aufnehmen zu können, ohne dass die Gefilmten etwas davon mitbekommen würden.

Insbesondere US-Amerikaner zeigten sich was ihre Privatsphäre betrifft als sehr paranoid, was schon bald nach kurzer Zeit zu den ersten Verboten in Bars rund um San Francisco führte. Manche US-Amerikaner schreckten nicht einmal vor körperlicher Gewalt oder Androhung von selbiger zurück, sobald sie einen Google Glass-Träger entdeckten.

Selbst in britischen Kinos war und ist die Brille nicht erwünscht (zum Beitrag) und muss vor Beginn einer Vorführung für den Kino-Betreiber klar erkenntlich ausgeschaltet werden. Dabei wird bei all den negativen Berichten auch gerne mal vergessen, wofür das Projekt von Google eigentlich steht.

Das Wagnis für neue Technologie

Google Glass war in gewisser Weise der erste große Vorstoß in das Gebiet der Wearable Devices. Natürlich war die Google-Brille bei weitem nicht das erste tragbare Gadget, aber eines, welches ein breites Publikum fand und diese Produktklasse überhaupt erst der Öffentlichkeit zugänglich machte. Daher verwundert es auch nicht, dass Google einen Neuanfang wagt.

Für die neu erfundene Google Glass zeichnet sich Tony Fadell verantwortlich, Vater des iPod und Mitgründer von Nest sowie dem gleichnamigen smarten Thermostat. Bei Google sowie den Fans von Fadell gilt mittlerweile das Mantra, dass er der wesentlicher Teil des künftigen Erfolgs sei:

Wenn er es nicht schafft, Google Glass wieder cool zu machen, dann schafft es niemand.

So oder so ist Google gegenüber Robert Scoble und Hunderten anderer Entwickler sowie Early Adopter vom Schlage unseres Kollegen Sascha Pallenberg etwas schuldig, denn sie haben ohne etwas dafür zu verlangen die Brille immer wieder vorgeführt und gezeigt, was mit Google Glass überhaupt machbar ist. Sascha Pallenberg beispielsweise hat sich immer wieder kritischen Fragen gestellt und konnte so zunächst skeptischen Personen die Angst vor der Technologie nehmen.

Neuanfang und andere Zielgruppe

Unterm Strich hat Google für die gemachten Fehler bezahlen müssen, ob selbst verschuldet oder durch andere ist erst einmal unerheblich. Das Explorer-Programm wurde kommentarlos eingestellt und Tony Fadell kümmert sich um die zweite Generation (zum Beitrag), mit welcher Google zudem in erster Linie die produzierende Industrie im Blick hat. Gerade bei der Montage wäre eine Datenbrille wie die Google Glass – sofern deren Bedienkonzept stimmt – eine erhebliche Erleichterung, da Mitarbeiter beide Hände frei nutzen können.

Aber auch ganz andere Einsatzmöglichkeiten wurden bereits aufgezeigt. So können zum Beispiel Medizinstudenten in den USA, per Google Glass ganz neue Einsichten bekommen und dem Professor bei einer Operation direkt über die Schulter schauen (zum Beitrag). Selbst charity:water und der World Wildlife Fund haben sich der Google-Brille angenommen und Apps entwickelt, mit deren Hilfe gemeinnützige Arbeit noch effektiver wird.
Man sieht, es ist nicht nur Kritik angebracht an Googles gewagtem und vielleicht etwas zu frühen Vorstoß der Google Glass für den Endverbraucher. Allerdings musste ja einer den Anfang machen.

Letztlich hat sogar Microsoft die Chancen von Wearable Devices erkannt, wobei deren Microsoft HoloLens einen etwas anderen Ansatz verfolgt. Dennoch zeigen gerade solche Produkte, wohin die technische Reise künftig führen wird. Und wenn dann noch solch neue Plattformen wie Google Brillo und das zugehörige Weave-Protokoll ins Spiel kommen, könnte die Zukunft wieder ungeheuer spannend werden. Trotz vereinzelter Glassholes, wie Google Glass Träger abwertend bezeichnet werden.

[Quelle: CNet]

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Mann mit Bart und Faible für Smartphones und Tablets jeder Plattform, doch eindeutig bekennender Androidliebhaber.

Ein Kommentar

  1. Juppdich schreibt:

    Die Vision wurde nicht verkannt, nur von Google besch… umgesetzt, daher die fehlende Begeisterung der Massen. 😉

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