Nokia 9 PureView im Test: Zeiss-Optik nicht für jedermann

Über ein Jahr hat es gedauert, bis HMD Global tatsächlich das Nokia 9 PureView auf den Markt gebracht hat. Mit seiner zum Kreis geformten Penta-Kamera setzt es schon einmal optisch Akzente. Doch können die 5 Kameras mit Zeiss-Optik überzeugen? Ist mehr automatisch besser? Wir haben das Smartphone samt Hauptkamera getestet.

 

Das Nokia 9 PureView gehört wohl in der Geschichte der Berichterstattung zu den Smartphones, über das im Vorfeld mehr und länger berichtet wurde, als es im Nachhinein der Fall ist. Vermutlich hat es das Nokia-Smartphone auch deswegen besonders schwer die richtige Akzeptanz zu finden. Denn was der Wunderwaffe schon alles angedichtet wurde, konnte kein Hersteller erfüllen. Dennoch hat es mit seiner zum Kreis angeordneten Penta-Kamera auf der Rückseite nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal.

Der traditionelle Zusatzname „PureView“ soll das vermutlich noch einmal unterstreichen. Kennen wir diesen doch nur durch das Nokia 808 und dem Lumia 1020, welche beide in Kooperation mit Zeiss und Microsoft entstanden sind. Doch anstelle Microsoft ist nun – zumindest was die Kamera anbelangt – Light getreten. Ein Spezialist auf dem Gebiet der Array-Kameras. Doch die gut gemeinten ersten Foto-Ergebnisse des Chief Product Officer Juho Sarvikas, ließen die Kamera in einem schlechten Licht erscheinen. Es musste an der Software nachgearbeitet werden. Das fertige Produkt haben wir nun getestet.

Nokia 9 PureView

Lieferumfang

Der Verpackungsinhalt ist überschaubar. Viel Papier-Material, ein Netzgerät welches bei 9 Volt 2 Ampere liefert, ein typischen USB-Class-A auf USB-Typ-C-Kabel, ein SIM-Tool und ein Adapter von 3,5 Millimeter Klinke auf USB-Typ-C. Das informiert den erfahrenden Unboxer, dass das Nokia 9 keine Klinkenbuchse an Bord hat. Trotzdem packt Nokia ein entsprechendes In-Ear-Headset mit bei. Schöner wäre es natürlich, wenn der Nutzer dieses nicht erst adaptieren müsste. Auch auf eine Hülle verzichtet der Hersteller, trotz der empfindlichen Glas-Rückseite aus Corning Gorilla Glass 5.

Verarbeitung

Und genau diese ist es auch, die den sensiblen Kunden ein wenig stören könnte. Deren Übergang zum lackierten Aluminium-Rahmen ist HMD Global nicht wirklich gelungen. Deutlich verspüren wir eine Kante, die andere Hersteller deutlich besser verarbeitet bekommen. Auf der rechten Seite gibt es die Lautstärkewippe und darunter den Power-und Standby-Button. Die linke Seite bietet keinerlei Öffnungen, denn der SIM-Schacht für zwei Nano-SIM-Karten ist auf der Oberseite. Unten rechts der Lautsprecher und mittig der USB-Port-C. Unser Verdacht bestätigt sich: eine 3,5 Millimeter Klinkenbuchse suchen wir vergebens.

Ebenfalls vermissen wir einen Fingerabdrucksensor. Auf der Rückseite dominieren lediglich die plan im Gehäuse verarbeiteten 5 Kameralinsen zuzüglich dem zweifarbigen LED-Blitzlicht und einem ToF-Sensor (Time of Flight) für die Berechnungen der Tiefen-Informationen. Der Scanner ist unter dem Display-Glas verbaut. Dieser benötigt eine gewisse Zeit, bis er dann zuverlässig den Bildschirm entsperrt. Ein Faktor, uns später an anderer Stelle erneut begegnen wird.

Der Gesamteindruck der Haptik ist bei dem 155 x 75 x 8,0 Millimeter großem und nur 172 Gramm schweren Nokia 9 sehr angenehm.

Nokia PureDisplay

Das Nokia-Flaggschiff ist mit einem 5,99 Zoll großem OLED-Bildschirm ausgestattet das weder durch besonders wenig Rahmen, Notch oder gar einem Loch im Display überzeugen will. Es bietet ein Seitenverhältnis von 18:9 und eine Auflösung von 2.880 x 1.440 Pixel. Wenngleich die Anzeige mit knapp 700 Nits recht hell ist, führt sie im direkten Sonnenlicht zu Problemen. Die 538 ppi hingegen sorgen für ein gestochen scharfes Bild. Aufgrund der planen Verarbeitung des Gorilla Glass 5, bietet das Display eine sehr gute Blickwinkel-Stabilität. In den Einstellungen kann der Nutzer bei dem „PureDisplay“ noch die Wahl zwischen Dynamisch, Lebhaft, Kino und Grundlegend wählen und so Dynamik und Kontrast zu erhöhen.

Das Nokia 9 PureView besitzt einen Bildschirm, der auch im gesperrten Zustand Informationen über Uhrzeit, Datum und Benachrichtigungen bietet. Allerdings ist es trotz OLED kein Always-on-Display. An die Informationen gelangt der Nutzer nur nach Anheben des Smartphones oder doppelten antippen. In unserem Fall hatten die Symbole so ihre Probleme, sich nach dem Löschen der Benachrichtigungen zu aktualisieren.

CPU, GPU und Speicher

Eingangs sprachen wir das Thema an, dass das Nokia 9 sehr lange gebraucht hat bis es dann tatsächlich im Handel verfügbar war. Ob das auch an HMD Global selbst liegt, wird der Hersteller nicht verraten. Der verbaute Snapdragon 845 Octa-Core-Prozessor lässt das aber vermuten. Auch wenn der SoC (System on a Chip) mit einer maximalen Taktfrequenz von 2,8 GHz noch gut mithalten kann, haben aktuelle Flaggschiffe einen Snapdragon 855 oder gar den Snapdragon 855 Plus verbaut.

Ihm zur Seite steht der Adreno 630 Grafik-Chip, 6 GB LPPDDR 4X RAM und 128 GB  2.1-UFS-Speicher. Dieser lässt sich in Deutschland zu unserer Verwunderung nicht via microSD-Speicherkarte erweitern.

Software

Auch das Nokia 9 PureView ist ein Teilnehmer am Android-One-Programm. Neben dem positiven Effekt, dass keine unnützen Anwendungen vorinstalliert sind, gibt es da noch die Google-Garantie. Diese beinhaltet 2 Jahre Android-System- und 3 Jahre Security-Updates. Auf unserem Gerät war zum Zeitpunkt des Tests Android 9 Pie und der Sicherheitspatch vom Juli 2019 installiert.

Nokia 9 PureView

Die Zeiss-Penta-Kamera des Nokia 9 PureView

Kommen wir zum Hauptthema unseres Tests: der rückseitigen Penta-Kamera. Insgesamt Sieben Öffnungen zieren die Rückseite, die durch vier Kameras, einem LED-Blitzlicht und einem ToF-Sensor oben in der Mitte zu einem Kreis angeordnet sind. Eine weitere 12-Megapixel-Kamera zentriert in dem Kreis-Arrangement.

Insgesamt bietet das Nokia also fünf 12-Megapixel-Sensoren mit einer einer Pixelgröße von 1,25 µm. Drei Monochrome und zwei im RGB-Farbraum. Alle fünf Kameras sind so fixiert, dass sie gleichzeitig ein und das selbe Fotomotiv mit einer maximalen Blende von f/1.8 aufnehmen. Zusätzlich macht bei einer Aufnahme jede der fünf Kameras bei Bedarf zwischen einem und vier Fotos. Wer nun glaubt, Nokia würde das gesammelte Bildmaterial zu einem Giga-Megapixel-Foto zusammenrechnen der irrt. Am Ende gibt es nur ein Foto mit einer Auflösung von 12-Megapixel.

So viele Daten von Bildeinstellung, Belichtungs- und ISO-Werten braucht seine Rechenzeit. Das bekommt der Nutzer der Zeiss-Penta-Kamera auch deutlich zu spüren. Nach dem Auslösen kann schon einmal eine halbe Ewigkeit vergehen, bis das Ergebnis dann auf dem Display zu betrachten ist. Während dieser Zeitaufwand erklärbar ist, verstehen wir die Pausen, die die Kamera-Software zum wechseln der Modi benötigt, überhaupt nicht.

Nokia 9 PureView

Nachtfotos des Nokia 9 PureView lassen Wünsche offen

Eine derartige Menge an Schwart-Weiß-Bild-Sensoren sollte eigentlich hervorragende Nachtfotos machen. Ein direkter Vergleich mit einem OnePlus 7 Pro und einem Honor 20 Pro zeigt jedoch ein anderes Ergebnis. Laut dem Nokia Mitarbeiter sollen viele Informationen auch viel leisten. Ich höre noch die Worte auf der Präsentation, dass das Konvolut einen Dynamikumfang von 12 Blendstufen bietet. Das ist durchaus vergleichbar mit einer DSLR-Kamera.

Nun, die Erklärung liegt in dem Pro-Modus. Nur in dieser Kamera-Einstellung nimmt die Penta-Kamera des Nokia 9 PureView RAW-Fotos im DNG-Format auf. Diese Rohdaten lassen sich dann auf dem Handy (besser auf dem PC) mit Adobe Grafikprogrammen wie Lightroom oder Photoshop bearbeiten und bieten am Ende deutlich bessere Ergebnisse, als es sie die Automatik der Nokia-Software abliefert. Der Dynamikumfang ist nahezu unbegrenzt und kann am Ende doch zu besseren Ergebnissen führen, als es die künstliche Intelligenz der Konkurrenz uns vorgaukelt.

Denn Hand aufs Herz: Habt ihr euch nicht auch schon gefragt, wie auf einem Foto plötzlich mehr zu sehen ist, als es die Natur vermag? Das ist mit Sicherheit Geschmackssache. Doch der Anspruch von Nokia ist es eben die Fotos so realistisch wie möglich für die Ewigkeit zu speichern.

Doch eines vermag die nachträgliche Bearbeitung nicht zu verändern. Die Tiefen-Informationen, die durch den Time-on-Flight-Sensor errechnet werden. Hier kann das Nokia 9 PureView mithilfe einer Gdepth-Tiefenkarte bis zu 1.200 Ebenen erfassen. Da stinkt die Konkurrenz mit gerade einmal durchschnittlichen 10 Tiefenebenen deutlich ab. Mit einem kleinen Umweg über die Google-Foto-App lässt sich jedoch das Problem der Bearbeitung umgehen.

Dennoch ist das Nokia 9 auf dem Gebiet der Tiefenunschärfe nicht besser als die Konkurrenz. Das erklärt sich aufgrund der Brennweite von 27 Millimeter. Diese ist einfach für Bokeh-Aufnahmen ungeeignet. Wer dennoch nicht darauf verzichten will, sollte zumindest den Portrait-Modus wählen, um nicht die Ergebnisse von Juho Sarvikas auf Twitter zu erzielen.

(Es folgt in Kürze noch ein Beispielfoto vor und nach der RAW-Bearbeitung)

Akku

Die Kapazität des fest verbauten Akkus beträgt 3.320 mAh. Das ist unserer Meinung nach nicht mehr zeitgemäß. Gerade bei einem „Fotoapparat mit Telefon-Funktion“ kann einem dieser schon einmal im Stich lassen. Ein Schnellladegerät gibt es nicht im Lieferumfang und ist auch unserer Meinung nach auch nicht vorgesehen. Obwohl der Snapdragon den Quick Charge Lade-Standard beherrscht. Dennoch positiv zu vermerken – das Nokia 9 bietet kabelloses Laden. Eine Funktion der sich beispielsweise OnePlus zugunsten des Warp Charge verweigert. Im normalen Gebrauch, hat der Nutzer des Nokia 9 jedoch keine Probleme mit einer Akku-Ladung über den Tag zu kommen.

Fazit des Nokia 9 PureView

Ich würde behaupten, das lange Warten auf das Nokia 9 PureView hat sich gelohnt. Bei einer unverbindlichen Preisempfehlung von 649 Euro liegt es mit seiner technischen Ausstattung nur geringfügig hinter der Konkurrenz. Aktuell ist es bei Amazon für 530 Euro* zu bekommen.

Nokia 9 PureView

 

Das Highlight ist ohne Frage die aufsehenerregende Zeiss-Penta-Kamera auf der Rückseite. Für Fotos zwischendurch mit einem schnellen und überzeugenden Resultat ist diese wahrlich nicht gedacht. Die Kamera des Nokia 9 PureView schreit förmlich nach einem Fotografen, der die Freude darin sieht, seine Aufnahmen später mit viel Liebe für das Detail am PC zu bearbeiten. Nur dann ist das Ergebnis deutlich besser als von jedem anderen Smartphone am Markt.

*Hinweis: Der Artikel beinhaltet Affiliate-Links zu Händlern. Bei einem Kauf eines Geräts über einen solchen Link unterstützt ihr GO2mobile. Für euch entstehen dabei keine zusätzlichen Kosten.

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Test Nokia 9 PureView
  • 6.7/10
    Hardware - 6.7/10
  • 7.4/10
    Verarbeitung - 7.4/10
  • 8.1/10
    Software - 8.1/10
  • 7.5/10
    Performance - 7.5/10
  • 9.6/10
    Kamera - 9.6/10
  • 7.7/10
    Akku - 7.7/10
  • 8.1/10
    Preis/Leistung - 8.1/10
7.9/10

Kurzfassung

Lang mussten wir auf das Nokia 9 PureView warten. Zusammenfassend müssen wir jedoch berichten, gelohnt hat sich dies nur für echte Fotografen mit Lust, Zeit und Muße zur Nachbearbeitung am PC. Denn reif für das Album sind die Fotos der Zeiss-Penta-Kamera erst, wenn man so alles aus dem RAW rausholt, was Nokia dem Nutzer an Daten zur Verfügung stellt.

MaTT

Schon immer ein Kind der kreativen Künste hat MaTT nun nach einer 15-jährigen Karriere als Musikproduzent die Liebe zur Videoproduktion gefunden. Android in seiner Individualität begeisterte MaTT schon von Beginn an, wie einige Arbeiten aus dem Jahre 2006 und folgend, heute noch bei den XDA Developers Zeugnis tragen.

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